26.3.2024 - Diana Bluhm

Mit Cashews mehr bewirken

Starthaus Crowdfunding

Wie SonmonCo aus Bremen das Leben und Arbeiten in der Elfenbeinküste verändert

Das Gründungsteam von SonmonCo
Das Gründungsteam von SonmonCo: Amara Comara und Natalie dos Reis © SonmonCo

Amara Comara zog vor 20 Jahren von der Elfenbeinküste nach Bremen, um sein Studium in Betriebswirtschaft und Internationalem Management zu absolvieren. Nach erfolgreichem Abschluss arbeitete er im Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft, im Sozialbereich der Inneren Mission und war zuletzt zuständig für die Beschaffung von Rohmaterialien aus Afrika. Sein eigener Antrieb: mit Einbezug der Zivilgesellschaft Ungerechtigkeiten ausgleichen, indem er wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte verbindet.

Auch Natalie dos Reis zog vor 30 Jahren nach Bremen und hat sowohl portugiesische als auch türkische Wurzeln. In Hannover absolvierte sie ihr Studium in Sozialmanagement und Pädagogik und arbeitet seit 2007 bei Kita Bremen. Dort verantwortet Natalie das Suchtpräventionsmodul „ganz schön stark“, das in 21 Einrichtungen sowohl Kinder im Alter von fünf bis 16 Jahren als auch Familien und pädagogische Fachkräfte zu diesem Thema informiert, schult und sensibilisiert. Auch ihr Antrieb ist es, sozial über die Grenzen Bremens hinaus zu wirken und die Welt etwas gerechter zu gestalten.

Mit „fair gründen“ gestartet

Ende 2022 rief die Senatskanzlei Bremen dazu auf, an der Crowdfunding-Kampange „fair gründen“ teilzunehmen. Bei dieser Kampagne ist es das Ziel der Gründer:innen, einen Beitrag dazu zu leisten, gesellschaftliche Probleme und Krisen mit unternehmerischen Mitteln anzugehen. Sie alle eint, dass ihre Gründungsvorhaben anstatt nur nach Gewinn zu streben, die Lebensverhältnisse vor Ort in einem Land des Globalen Südens verbessern und so einen Beitrag zu globaler Gerechtigkeit leisten wollen.

Was ist Crowdfunding?

Beim Crowdfunding stellen Gründer:innen, Vereine oder andere Interessierte ihre Projekte online auf einer Plattform vor und sammeln Geld dafür ein. Es gibt verschiedene Formen des Crowdfunding, im Starthaus liegt der Fokus auf dem sogenannten Reward-based-Crowdfunding. Dabei können die Unterstützer:innen entweder einen frei wählbaren Betrag geben oder sich ein sogenanntes Dankeschön als Gegenleistung für ihr Geld aussuchen. Gesammelt wird auf der Crowdfunding-Plattform Startnext. Die Projekte haben einen bestimmten Zeitraum, in dem sie ihr Fundingziel, also eine vorab festgelegte Summe, erreichen wollen. Nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip erhalten sie das eingesammelte Geld, wenn sie die angestrebte Summe in dem Zeitraum erreicht haben. Haben sie es nicht erreicht, bekommen alle, die Geld geben wollten, wieder zurück und das Projekt geht leer aus.

In „Startup-Camps“ sowie individuellen Beratungen informierten Crowdfunding-Expertinnen vom Starthaus Bremen und Bremerhaven, einem Segment der BAB – Die Förderbank, alle Interessierten vorab dazu, wie sie ihre Vorhaben erfolgreich als Crowdfunding-Projekte präsentieren können. Im Mai 2023 fand die Finanzierungsphase für die zehn Projekte statt. Als Cofunding-Kampagne kam für jedes erfolgreich finanzierte Projekt ein Bonus von 50 Prozent (bis maximal 2.000 Euro) noch oben drauf.

Am 31. Mai konnten dann alle Projekte ihre Ideen noch einmal vor einer Jury pitchen. Die drei überzeugendsten Vorhaben erhielten einen Preis, gestiftet von der BAB und den ÖVB Versicherungen. Den zweiten Platz und damit ein Preisgeld in Höhe von 2.000 Euro erhielt SonmonCo – das Unternehmen von Natalie dos Reis und Amara Comara.

Der Start von SonmonCo

Schon lange wollten beide Unternehmer:innen ein Projekt starten, mit dem sie über die Bremer Grenzen hinaus etwas bewirken können. Als der Aufruf zur Crowdfunding-Kampagne „fair gründen“ kam, sind sie diesem gefolgt. „Durch die Startup-Camps und Einzelberatungen im Starthaus haben wir uns sehr gut begleitet gefühlt“, erzählt Natalie rückblickend. „Dass wir nicht nur das Fundingziel erreichen, sondern auch noch den Preis gewinnen konnten, hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen.“

Die Idee von SonmonCo ist bei einem von Amaras Reisen in den Nordwesten der Elfenbeinküste entstanden. „Sonmon“ bedeutet Cashew und „Co“ steht für Comara, den Nachnamen von Gründer Amara. Die Elfenbeinküste ist weltweit der größte Lieferant von Cashewnüssen. „Die Bäuerinnen und Bauern in den Dörfern Odienné und Seguéla müssen die Cashews zu niedrigen Preisen verkaufen oder haben teilweise keinen Zugang zum internationalen Markt“, beschreibt Amara das Problem. Die einzelnen Landwirte haben sich zu lokalen Kollektiven zusammengeschlossen, mit denen Natalie und Amara Kontakt aufgenommen haben.

„Unser Ziel war es, die hochwertigen Cashews nach Deutschland zu importieren, sie hier zu verarbeiten und zu einem angemessenen Preis zu verkaufen“, erklärt der Gründer. Dies erreicht SonmonCo, indem sie den Kollektiven den Zugang zum internationalen Markt ermöglichen und so die Anzahl der Zwischenhändler reduzieren. 

„Offiziell haben wir SonmonCo am 13.09.2023 gegründet“, so Natalie, die den ganzen Gründungsprozess nebenberuflich begleitet und antreibt. Amara hingegen ist voll im Unternehmen beschäftigt. Die Produktion und Ernte der Cashewkerne finden in der Elfenbeinküste statt. In Bremen kümmern sich die Beiden um die Organisation sowie ums Rösten, Verpacken und den Vertrieb. „Wir konnten unsere Nüsse bereits europaweit versenden. Wer einmal unsere Cashews probiert hat, schmeckt den Unterschied und bestellt in der Regel welche nach“, freut sie sich.

Sichtbarkeit durch Events und Messen

Bekanntheit hat SonmonCo nicht nur durch die Crowdfunding-Kampagne „fair gründen“ erhalten. „Durch die Unterstützung vom Starthaus und der Hanse Kitchen konnten wir uns auf den monatlichen FoodTable Events, aber auch auf Messen präsentieren“, freut sich Amara. Gerade dort bekamen beide viel Zuspruch für den Geschmack und die Qualität der SonmonCo Nüsse. Leider sammelten sie auf den Messen auch negative Erfahrungen. „Ich sehe schon, dass Leute einen anderen Weg gehen oder schnell an unserem Stand vorbeigehen, weil wir anders aussehen“, beschreibt Natalie die Situationen. „Sie sprechen lauter und deutlicher, oder direkt auf Englisch mit Amara, weil sie davon ausgehen, dass er kein oder schlechtes Deutsch spricht.“ Davon lässt sich das Gründungsteam aber nicht abschrecken. „Wir versuchen einfach mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und sie von unseren Produkten zu überzeugen“, sagt Amara. „Und wenn sie die Cashews erstmal probiert haben, wollen sie meistens mehr erfahren.“

Cashewnüsse von SonmonCo
Die Cashewnüsse von SonmonCo gibt es online oder im „Made in Bremen“ Laden in der Bremer Innenstadt zu kaufen. © SonmonCo

Eine weitere Herausforderung, die die Beiden zu meistern haben und hatten, sind die behördlichen Prozesse. Ob zur Logistik, Lebensmitteleinfuhr oder Qualität – alles müsse entsprechend beantragt und geprüft werden. Für Muttersprachler schon eine Herausforderung, für Menschen mit migrantischen Wurzeln umso mehr. „Allerdings haben wir hier schon viel erreicht und wissen auch, wo wir uns Unterstützung holen können“, sagt Amara. „Das ist viel Wert und wissen wir sehr zu schätzen.“

Angefeuert durch die innere Motivation

Letztendlich ginge es den Gründer:innen darum, einen Ausgleich durch wirtschaftliches und soziales Engagement zu schaffen. Durch die Arbeit mit den Kollektiven in der Elfenbeinküste leisten sie ihren Beitrag dazu, die Welt ein kleines bisschen gerechter zu gestalten. So wollen sie den Bäuerinnen und Bauern in den Kollektiven mehr Sicherheit geben, unter anderem durch Krankenversicherungen und bis zu 50 Prozent mehr Gehalt als bisher. „Für die Kollektiven planen wir zudem den Gesundheitsschutz auszubauen“, erzählt Amara. So sollen unter anderem Techniken angeschafft werden, die eine rückenschonende Arbeit beim Schälen der Cashews ermöglicht.

Aus ihren Gründungserfahrungen können sie anderen Gründer:innen bereits Tipps mit auf den Weg geben. Natalie rät: „Traut euch, den Schritt zu wagen. Und holt euch Beratung! Das Starthaus war uns gegenüber sehr offen und hilfreich. Das ist viel wert!“ Amara ergänzt: „Man sollte den Vertrieb und die Produktion parallel aufbauen. Beides kann ohne das andere nicht funktionieren.“

Noch viel mehr in Planung

Interessierte können das Angebot von SonmonCo online anschauen und per Mail bestellen oder auch im „Made in Bremen“ in der Bremer Innenstadt kaufen. Zukünftig ist eine Ausweitung des Sortiments geplant. „Wir können uns sowohl vorstellen, andere Nussarten mit aufzunehmen, als auch aus den Cashews neue Produkte herzustellen. Hier sind wir gerade am Testen“, verrät Natalie. Ob Cashewmus, -mehl, -öl oder -salate – die beiden Gründer:innen haben viele Ideen. Einige davon wollen sie in Kürze in der Hanse Kitchen vorstellen.

Für den Ausbau ihrer Produktion suchen sie gerade nach neuen Lagermöglichkeiten in Bremen. Außerdem würden sie gern die Bio- und Fairtrade-Zertifizierung sowie den Online-Shop für die Website angehen. Beides ist jedoch mit hohen Kosten verbunden und muss daher Stück für Stück angegangen werden. Eines ist aber schon jetzt klar: Natalie und Amara brennen für ihr Unternehmen und geben alles dafür, das Leben der Bäuerinnen und Bauern in der Elfenbeinküste zu verbessern und das Leben in Europa etwas leckerer zu gestalten.

„Wir möchten unsere aufrichtige Wertschätzung an unsere wunderbare Crowd, unsere lieben Familienmitglieder, Freunde und all diejenigen, die unsere Vision teilen, ausdrücken“, sagen beide Gründer:innen dankbar. „Euer Engagement und eure Unterstützung sind das Fundament, auf dem unser Projekt ruht, und ohne euch wäre es nicht möglich.“

Wollt ihr ein Unternehmen gründen, euer Business sicher starten oder weiter wachsen? Dann schreibt uns gern eine Nachricht über unser Kontaktformular, wenn ihr Fragen zu eurer Gründung(sidee) habt. Wir haben die Antworten.

Erfolgsgeschichten


Social Entrepreneurship
03.04.2024
IKOJENIA – Familienhilfe mit Wertschätzung

Die Arbeit in der ambulanten und stationären Kinder- und Jugendhilfe ist anstrengend – vor allem psychisch. Aber auch essentiell und sinnstiftend. Damit die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeitenden besser werden, haben Jacob Menge und Katrin Nitsche ihren eigenen Träger für Familienhilfe gegründet. Der Name „IKOJENIA“ hat in vielerlei Hinsicht mit Familie und Wurzeln zu tun. Womit genau, hat uns das Gründungsduo im Interview erzählt.

Zum Artikel
Startups
19.03.2024
„Lokale Momente“ – besondere Erlebnisse in Bremen

Habt ihr in Bremen und umzu schon einmal Yoga im Bürgerpark, eine privat geführte Radtour durch das Blockland oder eine Alpaka-Wanderung gemacht? Mit der neuen Website „Lokale Momente“ können Leute in und um Bremen ganz neue und persönliche Erlebnisse buchen – und anbieten. Zusätzlich gibt es Tickets für lokale Events. Wir haben mit Lena Häfermann vom Startup-Team gesprochen.

Zum Artikel
Erfolgsgeschichten
13.03.2024
Prävention statt Intervention in Unternehmen

Mit der „Fabrik der Gesundheit“ hat Özden Ohlsen ein großes Ziel: Sie will das betriebliche Gesundheitsmanagement transformieren. Mitarbeitende sollen leichten Zugang zu verschiedenen Ärzten, Trainer:innen und Therapeut:innen bekommen, damit Arbeitszeit zu erfüllender Lebenszeit wird. Raus aus dem Burnout – hin zur Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung der eigenen Gesundheit.

Zum Artikel