21.6.2024 - Insa Lohmann

Mit Solar-Selbstbau zur Energiewende

Erfolgsgeschichten

Bremer Initiative mit Gründungspreis ausgezeichnet

Christian Gutsche auf dem Dach
Christian Gutsche verfolgt mit seiner Gründung einen solidarischen Ansatz, um mehr zu bewirken. © Bremer Solidarstrom

„Wir müssen richtig Tempo machen beim Klimaschutz“, macht Christian Gutsche unmissverständlich deutlich, wenn man ihn fragt, warum er die Initiative Bremer Solidarstrom gegründet hat. Seine Ziele sind dabei ganz klar: „Wir möchten mehr Solar auf die Dächer bringen und Impulse setzen für eine schnellere Energiewende.“ Dabei verfolgt der gebürtige Thüringer einen ungewöhnlichen und innovativen Ansatz: Solarstrom im Gemeinschaftsbau kombiniert mit einem solidarischen Preissystem. Für diese Idee wurde der Wahl-Bremer nun mit dem Bremer Gründerpreis in der Kategorie Social/Nachhaltigkeit ausgezeichnet.

Als klassischer Startup-Gründer sieht sich Christian nicht, der 38-Jährige ist ein Sozialunternehmer. Das bedeutet: Neben dem unternehmerischen Handeln geht es auch um soziale und ökologische Verantwortung. „Wir sind nicht nur eine Firma, wir wollen etwas bewirken“, sagt er. Um seine Zeit und Energie voll und ganz dem Klimaschutz zu widmen, hängte der promovierte Physiker seine wissenschaftliche Karriere an den Nagel und machte sich 2019 selbstständig. „Für mich war irgendwann klar: Ich möchte mehr Wirkung für solidarische Gemeinschaft und Klimaschutz entfalten.“

Wer verstehen möchte, was Christian tut, kommt um einen Besuch im Bremer Viertel nicht herum – das Altbremer Haus in der Wielandstraße 15 ist Dreh- und Angelpunkt seiner Arbeit und seiner Vision. Hier hat nicht nur der Bremer Solidarstrom seinen Sitz, hier befindet sich auch ein Coworking-Space, das Café Sunshine, eine Food-Kooperative – und Christians Zuhause. Der 38-Jährige und sein Team setzen auf verschiedene Services: Dazu gehören der Vertrieb von Ökostrom, Selbstbau-Solarstromanlagen und Balkonsolarmodulen. Solaranlagen zum Selberbauen – wie kommt man darauf und wie sieht das Konzept in der Praxis aus?

Kundinnen und Kunden packen selbst mit an

Mehrere Menschen arbeiten an den Solarpanelen
Gemeinsames Einbauen: Die Module lassen sich einfach montieren und freiwillige Helfer:innen aus der Initiative packen mit an. © Bremer Solidarstrom

Seit mehr als 15 Jahren setzt sich Christian gemeinsam mit Aktiven vom Verein Bremer Solidarstrom für die Energiewende ein. Zwei Dinge stellte er dabei immer wieder fest: Das Interesse der Bürger:innen an Solarenergie ist groß, doch es mangelt an Fachkräften, um die Anlagen zu installieren. Seine Lösung: Die Kundinnen und Kunden packen selbst mit an. Damit bringt der Bremer die beiden wichtigsten Zukunftsthemen für sein Sozialunternehmen zusammen: Klimaschutz und gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften. Inspiration dafür fand Christian in der Schweiz, dort ist der Selbstbau sehr verbreitet. Im Sommer 2021 installierten die Vereinsmitglieder zum ersten Mal selbst eine Solaranlage in Deutschland. Das Anbringen der Module sei einfacher, als viele zunächst denken, sagt Christian. Lediglich die Elektroarbeiten übernimmt ein Profi. Geplant wird die Solaranlage vom Team des Bremer Solidarstroms, auch die Bestellung und die Anleitung vor Ort übernehmen sie. Die Helfer:innen kommen aus dem Umfeld der Kundinnen und Kunden, aber auch aus dem Kreis von Christian und seinen Mitstreiter:innen. Viele seien von der Initiative der freiwilligen Helfer:innen regelrecht gerührt, berichtet der 38-Jährige. „Genau solche Momente möchte ich schaffen.“

Auch die Balkonsolarmodule ließen sich einfach selbst installieren, sagt Christian. Die 1 Meter hohen und 1,80 Meter langen Module können an Balkonen, Fassaden oder Dächern angebracht werden. So können auch Mieter:innen ihren eigenen Strom produzieren. Beim Vertrieb dieses Produkts setzen die Initiator:innen des Bremer Solidarstroms auf eine sogenannte Preisampel, ein solidarisches System: Es gibt einen Normalpreis von 600 Euro, gutverdienende Menschen haben die Möglichkeit 700 Euro für das Produkt zu bezahlen, während Menschen mit weniger Geld einen niedrigeren Preis von 500 Euro bezahlen können. „Welchen Preis die Menschen letztlich zahlen, bleibt ihnen überlassen. Das kontrollieren wir nicht“, sagt Christian. Kann so etwas auf dem Prinzip der Freiwilligkeit funktionieren und gleichzeitig wirtschaftlich sein? „Ganz viele Menschen haben ein Gespür für Fairness“, sagt der 38-Jährige. Er glaubt an das Konzept der solidarischen Ökonomie. Und die Erfahrung gibt ihm Recht: Im Schnitt zahlen die Menschen mehr als den Normalpreis.

„Der Hebel für Klimaschutz sitzt im Kopf“

Viele Menschen stehen auf einem Baugerüst
Gemeinsam zahlen: Beim Bremer Solidarstrom geht es auch finanziell solidarisch zu. © Bremer Solidarstrom

Ähnlich handhaben die Initiator:innen hinter dem Bremer Solidarstrom es auch mit ihren eigenen Gehältern. „Wir setzen auf eine bedürfnisorientierte Bezahlung“, sagt Christian. Damit meint er: Je nach Lebenssituation und Bedürfnis werde geschaut, wer aus dem Team wieviel Geld benötige. „Auch das ist für einen solidarischen Ansatz wichtig: Wie gehen wir mit Einnahmen um?“, erläutert der Bremer. Obwohl die Nachfrage nach den Services groß ist, hat auch die Initiative aus Bremen ihre erste wirtschaftliche Krise bereits ereilt: Teuer eingekaufte Ware wie Solarmodule waren plötzlich dem Preiszerfall ausgesetzt und der Verein konnte die Produkte nicht mehr gewinnbringend vertreiben. Christian lässt sich von solchen Rückschlägen nicht aus dem Konzept bringen, diese Erfahrungen gehören für ihn dazu.

Um sich auszutauschen, ist Christian im engen Kontakt mit Gründer:innen, die ebenfalls einen solidarischen Ansatz vertreten oder im Bereich Klimaschutz aktiv sind. An der Idee des Bremer Solidarstroms haben der 38-Jährige und seine Mitstreiter:innen lange gefeilt. Nachdem der Gründer das Konzept 2020 erstmals dem Starthaus vorstellte, durchlief er anschließend das Starthaus Coachingprogramm. Der Input und Rat der Starthelfer:innen waren für den Sozialunternehmer eine wichtige Grundlage, insbesondere was die Ausarbeitung des Geschäftsmodells betrifft. Neben dem Starthaus-Coaching finanziert sich Christian auch durch seine Arbeit als Klimakommunikationstrainer. In seinen Workshops übt er mit den Teilnehmenden, das Thema Klimaschutz empathisch und positiv zu kommunizieren – nur so erziele man langfristig eine positive Veränderung beim Gegenüber. Zudem hat Christian zwischenzeitlich ein Handbuch über Solidarstrom verfasst, sein Wissen will er auch anderen zur Verfügung stellen. „Klimaschutz ist ganz viel Bildungsarbeit“, sagt er. „Denn der Hebel für engagierten Klimaschutz sitzt im Kopf.“

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