3.8.2020 -

Keine Tabus – Warum diese Gründerin offen über Sexualität spricht

Starthaus Women
Meline Götz, Gründerin von Sexpaed © Meline Götz

Alles begann mit einem Flirtkurs. Sieben Jahre später ist Meline Götz Profi auf ihrem Gebiet: Die selbstständige Sozial- und Sexualpädagogin berät und schult rund um das Thema Sexualität.

Bevor Meline Götz anderen das Flirten beibringen konnte, musste sie erst mal selbst Nachhilfe nehmen. Das erzählt die 36-jährige gut gelaunt, als wir uns zum Interview im Café treffen – unter freiem Himmel und mit Abstand, wegen Corona. Götz war damals neu in ihrem Job als Beraterin mit dem Schwerpunkt Sexualität und Behinderung bei pro familia in Bremen. “Mit dem Thema hatte ich mich vorher noch nie beschäftigt und musste mich langsam rantasten”, erinnert sich die Sozialpädagogin. Sie fragte bei sozialen Einrichtungen nach, welche Themen für die Bewohnerinnen und Bewohner interessant sein könnten. Das Feedback: Die Mehrheit wollte Flirten lernen. Also meldete sich Götz für einen Flirtkurs in Hamburg an. Mit dem Gelernten machte sie sich ans Werk. Die Kurse, die sie zusammen mit einem Kollegen in verschiedenen Einrichtungen der Bremer Behindertenhilfe gab, entwickelten sich zum Riesenerfolg. Später folgten Speed-Dating-Veranstaltungen, Aufklärungskurse und Seminare zu Trennung und Liebeskummer.

Meline Götz, Gründerin von Sexpaed © Meline Götz

Detektivarbeit

“Sexualität ist ein Herzensthema für mich geworden”, sagt Götz, die sich 2019 selbstständig gemacht. Zu ihrem Angebot gehören Seminare, Workshops und Vorträge zur kindlichen Sexualität, Jugendsexualität, zu Sexualität und Behinderung sowie Sexualität im Alter. Sie hält unter anderem Vorträge bei Elternabenden, erarbeitet Konzepte mit Einrichtungen zum Umgang mit Sexualität oder hilft in ihren Workshops den Mitarbeitenden von sozialen Einrichtungen, bestimmte Verhaltensweisen richtig einzuordnen.

Dazu gehört manchmal Detektivarbeit. Wenn Kinder oder Erwachsene in Obhut ein vermeintlich auffälliges Verhalten zeigen, sich zum Beispiel vor anderen im Intimbereich berühren, dann versucht Götz zusammen mit den Betreuenden herauszufinden, was dahintersteckt. Ist es eine Form von Protest, zum Beispiel wegen fehlender Privatsphäre? Steckt ein körperliches oder seelisches Leiden dahinter? Oder ist es einfach nur eine Phase und vergeht wieder? Fachkräfte im Sozialwesen seien mit solchen Situationen häufig überfordert, weil es ihnen schwerfalle, mit der Sexualität von Kindern, Alten oder Menschen mit Beeinträchtigungen umzugehen. Diese Tabus will Götz überwinden. “Ich möchte grundsätzlich vermitteln, dass Sexualität etwas Positives ist und nicht etwas, das verboten gehört”, sagt die Expertin.

Gründen mit Gefühl


Die Entscheidung sich in diesem Bereich selbstständig zu machen, sei eher spontan und aus dem Bauch heraus gefallen. Und auch die Vorbereitungen für ihre erste Gründung liefen eher nach Gefühl als nach Plan. “Ich habe alles falsch herum gemacht”, erzählt Götz lachend. “Ich habe erst meine Website gestaltet und online gestellt, dann den Businessplan geschrieben und danach das Starthaus-Gründungsseminar besucht”.

Geklappt hat es trotzdem: Bei einer persönlichen Beratung im Starthaus klopfte ihre Beraterin den Businessplan eine Stunde lang auf Schwachstellen ab. Den überarbeiteten Plan gab Götz, die zu diesem Zeitpunkt bereits bei ihrem Arbeitgeber gekündigt hatte, zusammen mit einem vom Starthaus verfassten Gutachten bei der Bundesagentur für Arbeit ab. Kurze Zeit später erhielt sie die Bewilligung für einen Gründungszuschuss.

Meline Götz beim Workshop © Meline Götz

Vollbremsung wegen Corona

Der Start in die Selbstständigkeit im September 2019 klappte trotz holpriger Vorbereitungen besser als erhofft. “Ich bekam viel mehr Anfragen, als ich erwartet hatte”, sagt Götz und fügt hinzu: “Mit meinen Themen besetze ich wohl eine Nische und außerdem bin ich nach meiner jahrelangen Tätigkeit in diesem Bereich in Bremen gut vernetzt.”

Im März 2020 legte ihr junges Unternehmen dann aber eine Vollbremsung hin. Wegen Corona mussten ihre Auftraggeber – Pflegeheime, Kindergärten oder Einrichtungen für Jugendliche – schließen. Götz brachen alle Aufträge weg. Nur mit der Soforthilfe des Landes Bremen und ihren Einnahmen als nebenberufliche Yoga-Lehrerin konnte sie sich über Wasser halten.

Seminare auf Distanz

Seit einigen Wochen kommen nun wieder Aufträge rein. Insgesamt fünf Live-Seminare hat sie seit Corona gegeben. “2020 wird aber noch ein schwieriges Jahr für mich werden”, ist sich die Gründerin sicher. Viele Einrichtungen sind noch immer geschlossen. Und auch wenn einige Seminare wieder live stattfinden können, gibt es laut Götz einen großen Unterschied zu früher: das Social Distancing. “Schon vor Corona ist es vielen nicht leicht gefallen, über Sexualität zu sprechen”, sagt sie. “Mit Abstand zueinander fällt das teilweise noch schwerer.”

Trotzdem blickt die Wahlbremerin zuversichtlich in die Zukunft. “Ich war natürlich frustriert, aber ich bin nicht verzagt”, betont sie und erzählt von ihrem ersten Auftrag als Selbstständige in einer Bremer Kita. Die Eltern und das Personal seien begeistert gewesen, hätten geklatscht und sich herzlich bedankt. “Danach bin ich gefühlt nach Hause geflogen und habe gedacht: Diese Arbeit fühlt sich so richtig an, das ist genau das, was ich machen will. Und daran hat sich nichts geändert.”

 

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