8.6.2021 - Jann Raveling

Excel ade – wie ein Start-up Ordnung ins Chaos bringt

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Boris Meyerdierks
Boris Meyerdierks, Gründer und Geschäftsführer des Bremer Start-ups simpressive, bringt Ordnung ins Chaos. © simpressive

Excel-Listen, Zettel, Mails, Telefonabsprachen – in vielen Unternehmen kann die eine Hand in Projekten kaum nachvollziehen, was die andere macht. Das ist ineffizient und kostet Geld. Ein Bremer Start-up bringt Ordnung ins Chaos – und fordert damit Platzhirsche wie SAP oder Navision heraus.

Besonders in der Zusammenarbeit mit externen Dienstleistenden ist heute in vielen Unternehmen die Digitalisierung mangelhaft umgesetzt – oder verschiedene Abteilungen nutzen unterschiedliche Systeme, die keinen Zugriff aufeinander haben. Einkauf und Rechnungswesen verwenden Enterprise-Ressource-Planning-Programme (ERP) wie SAP zur Abwicklung von Aufträgen, die Fachabteilung organisiert das Projektmanagement mit Onlinediensten wie Trello oder Jira, der Vertrieb nutzt vielleicht noch Excel-Listen. Hier und dort wird noch gefaxt.

"Komplexe Projekte über mehrere Abteilungen und externe Partner zu beschreiben, zu bepreisen, zu bestellen und durchzuführen benötigt heute oftmals eine Vielzahl an Tools. Und so entstehen unzählige Medienbrüche und Sachstände. Informationen gehen dabei verloren oder müssen mehrfach angelegt werden“, so Boris Meyerdierks, Gründer und Geschäftsführer des Bremer Start-ups simpressive.

Digitales Auftragswesen über Abteilungen hinweg

Die Software, die er mit seinem kleinen Team aus mittlerweile sechs Angestellten in den vergangenen drei Jahren auf die Beine gestellt hat, setzt genau hier an. Sie vereint sowohl die technische als auch die kaufmännische Seite eines Projekts. Unternehmen können dort Projekte anlegen, bestellen, sie mit Spezifikationen versehen (digitales Lastenheft), organisieren, aber auch gleichzeitig vertragliche und projektrelevante Vorgänge hinterlegen und die Projektadministration und -abwicklung durchführen.

Klingt nach noch einem ERP-System? Meyerdierks schüttelt den Kopf. „Die großen Systeme sind oft unergonomisch und langsam. Sie sind nicht dazu konstruiert, vom Prozess her zu denken“, so der Gründer.

Was er damit meint: Unternehmen können in simpressive ihre Prozesse so anlegen, wie sie tatsächlich funktionieren. „Wir bieten die Möglichkeit, agile Prozesse in unserer Software einfach abzubilden.“ Die Software richtet sich an alle Unternehmen, die sowohl      Outsourcingprojekte oder auch Dienstleistungen wie z.B. Entwicklung, Planung oder Fertigung dynamisch managen wollen – sie kann sowohl Personenkosten als auch Sachkosten zentral verwalten.

Mit wenigen Klicks am Ziel

Um besser zu verstehen, wie simpressive funktioniert, bemüht der Informatiker ein Bild. „Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein komplexes Menü für Gäste kochen. Sie brauchen dazu viele Informationen: Welche Zutaten? Welcher Wein passt zu welchem Gang? Welche Ernährungsvorgaben sollten Sie beachten? Wann mit dem Kochen in welcher Reihenfolge anfangen? In unserer Software sind alle diese Prozesse hinterlegt. Es reicht, das Menü zu konfigurieren und automatisch erstellt unsere Software die Einkaufsliste und die Kosten“, schildert er.

Unternehmen sparen so Zeit. Ein typischer Einkaufsprozess könne so in wenigen Minuten abgeschlossen werden, anstatt tagelang zwischen Abteilungen und Lieferanten hin- und hergeschoben zu werden.

Um diese Effizienz zu erreichen, müssen Meyerdierks und sein Team natürlich über alle Informationen verfügen. „Am Anfang sammeln wir alle Daten und modellieren die relevanten Unternehmensprozesse. Wir nutzen dabei Schnittstellen zu allen wichtigen Programmen und können auch Daten aus Excel importieren. Einmal aufgesetzt, können Unternehmen dann die Software nutzen.“

Die Software von simpressive
Alles auf einen Blick: Die Software von simpressive ist leicht zu bedienen und kann abteilungsübergreifend genutzt werden. © simpressive

Neue Features kommen regelmäßig hinzu

Großen Wert legt der Informatiker dabei auf die leichte Nutzbarkeit. Ein Designer arbeitet am intuitiven Erscheinungsbild, im Hintergrund fügt das Team stetig neue Erleichterungen für Einkäufer:innen, die Projektleitung oder Buchhalter:innen hinzu. „Wir haben zum Beispiel einen Return-on-Investment-Rechner. Der erstellt aus den vorhandenen Infos eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung und zeigt so schnell, wie viel man bei dem Einsatz von simpressive einsparen kann. Einer unserer Kunden konnte somit bei 22 Millionen Euro Jahresumsatz mit simpressive eine Einsparung von 2 Millionen Euro über 3 Jahre erzielen.“

Auch eine künstliche Intelligenz haben sie sich als ein Zukunftsthema vorgenommen. Sie könnte künftig den Einkauf und die Bedarfsträger bei der Projektabwicklung unterstützen.

Kontakt zur Zielgruppe für Start-ups unerlässlich

Für Meyerdierks waren die vergangenen drei Jahre der Softwareentwicklung mit Höhen und Tiefen gespickt. „Gerade Anfang 2020 hat uns zu schaffen gemacht. Wir arbeiten mit Industrieunternehmen zusammen, die sich für die ersten Monate der Krise ganz auf sich selbst konzentriert haben – da gerieten auch bei uns die Geschäftsentwicklung ins Stocken“, schildert er.

Die simpressive-Software entsteht im engen Kontakt mit denen, die sie anwenden. Bei jedem Entwicklungsschritt holt sich das Team Feedback ein. „Eine solch komplexe Anwendung auf der grünen Wiese zu entwickeln, ist schwer vorstellbar. Wir brauchen den direkten Kontakt mit den Anwenderinnen und Anwendern“, ist Meyerdierks überzeugt – und mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Industrie, weiß er, wovon er spricht.

Vertrauen zu Investierenden schaffen

Unterstützung hat sich Meyerdierks auch im Starthaus geholt, mit einer Beteiligung im Rahmen des Corona-Beteiligungsfonds Bremen (Säule 2). Diese unterstützt Start-ups und Mittelständler bei der Investition und laufenden Aufwendungen.

„Der Kontakt zum Starthaus und der Förderbank BAB war völlig anders, als ich es bisher kannte. Ich habe ein komplett neues Bild von Bankerinnen und Bankern gewonnen – sie haben mich zielorientiert beraten und waren ein guter Sparringspartner mit herausfordernden Fragen. Das braucht jedes Start-up, um sich weiterzuentwickeln“, ist Meyerdierks überzeugt.

Der gebürtige Bremer hat von Anfang an auf ein breites Netzwerk gesetzt, um seine Start-up-Idee voranzutreiben. Er hat weitere private Investierende gefunden und beteiligte sich an Accelerator-Programmen. Diese Initiativen unterstützen und coachen Start-ups bei der schnelleren Entwicklung. „Man braucht Investierende, die einem über das bloße Geld hinaus einen Nutzen bringen, die in der gleichen Branche sitzen oder einem Tipps geben können.“

Heute ist er überzeugt, mit seinem Start-up auf große Resonanz im Markt zu treffen. Denn gerade in großen Industrieunternehmen seien Prozesse noch vielfach ineffizient. „Wir gehen über den Prozess, über die technische Seite – diesen Ansatz haben andere nicht, das macht uns einzigartig“, schließt er.

An einer Gründung interessiert? Schreiben Sie uns gern eine Mail an info@starthaus-bremen.de oder rufen Sie uns unter +49 (0)421 9600 372 an, wenn Sie Fragen zu Ihrer Gründung(sidee) haben. Wir haben die Antworten.

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Zum Artikel bei der BIS Bremerhaven.