2.12.2022 - Annekathrin Gut

Gründer:innen brauchen oft mehr als Kapital

Erfolgsgeschichten

Thomas und Klaas Henning investieren als Business Angels in Startups

Thomas und Klaas Henning
Zwei Investoren, die sich in ihren Erfahrungen und Ansichten ergänzen: Thomas und Klaas Henning. © Starthaus/Annekathrin Gut

Thomas und Klaas Henning wollen Startups zu starken Unternehmen machen. Als Business Angels investieren sie in vielversprechende neue Geschäftsideen. Für sie geht es aber um mehr, als nur Geld zu geben. Mit ihrem Know-how, ihren Kontakten und Begleitung auf Augenhöhe wollen sie den Gründungsteams zu nachhaltigem Erfolg verhelfen.

Vater Thomas Henning hat vor vielen Jahren selbst ein Unternehmen gegründet und lehrt seit 2017 Entrepreneurship an der Hochschule Harz. Sein Sohn Klaas Henning macht aktuell in Vallendar seinen Master in diesem Fach. Gemeinsam fördern sie seit 2019 mit ihrem eigenen Startup das Ökosystem in der Region Bremen.

Welche Felder sind für euch als Investoren interessant?

Thomas: Dazu muss man grundsätzlich verstehen, wie wir investieren wollen. Für uns sind Startups in Frühphasen interessant, die beispielsweise aus dem universitären oder Hochschul-Umfeld kommen, also häufig aus einer EXIST-Förderung. Wir machen das, weil wir denken, dass wir nicht nur Geld, sondern auch Erfahrungen und praktische Hilfestellung geben können. Das, was klassischerweise Business Angels ausmacht.

Im Regelfall machen wir das mit anderen zusammen. Ich komme aus der IT und kenne da viele Menschen. Wir haben mittlerweile einen sehr vertrauensvollen Kreis geschaffen, wo alle so offen sind, ihr Know-how weiterzugeben und sich zu beteiligen. Es geht darum, den Startups zu zeigen: Wir sind mehr als der klassische Geldgeber. Wir helfen euch mit Netzwerken, Erfahrung und Coaching dabei, schneller ein „richtiges“ Unternehmen werden zu können.

Klaas: Oft sehen wir uns Themen an, die einen Digitalbezug haben. Gerade mir ist außerdem wichtig, dass wir die Komponente Nachhaltigkeit einbringen, um einen positiven Impact für einen der bekannten ESG-Bereiche zu schaffen. Natürlich investieren wir Geld, um Rendite zu bekommen und mit den Startups gemeinsam zu wachsen. Aber wir möchten auch einen Mehrwert schaffen, der nicht nur monetär ist.

Wie findet ihr die Startups, die euch interessieren?

Thomas: Das geht tatsächlich zu 95 Prozent über das Netzwerk. Hier in Bremen ist das schon länger Bremen Startups. Da kenne ich relativ viele, die wissen, was wir machen. Seit zwei Jahren bin ich ein Part von HARZ Startups zusammen mit den dortigen Hochschulen. Dabei ist ein Netzwerk in der Harz Region gegründet worden, das bis nach Magdeburg, Erfurt, Jena und Weimar wirkt.

Klaas: Wichtig ist uns auch eine Sichtbarkeit über die Region hinaus. Wir vernetzen uns viel im Großraum Hamburg und sprechen dort mit Leuten über spannende Cases. Aber wir machen nicht aktives Deal Sourcing, indem wir zum Beispiel die Handelsregister durchforsten. Das gibt es ja alles!

Thomas: Wir würden nicht mit der Gießkanne losgehen, wie das andere vielleicht machen. Nach dem Motto: Wieviel Geld braucht ihr? Wieviel Prozent kriege ich? Das sind wir nicht.

Warum ist euch der persönliche Kontakt durch Netzwerke wichtig?

Thomas: Das schafft aus meiner Sicht eine Vorqualifizierung. Zu den Menschen, über die wir die Kontakte bekommen, haben wir schon eine Beziehung. Das bedeutet aus meiner Sicht Vertrauen. Du kriegst im Grunde einen „halbwarmen“ Kontakt und kannst schneller einsteigen.

Klaas: Vertrauen ist echt das Thema. Was wäre die Alternative? Wir sind kein typischer Venture Capitalist. In der Industrie ist es so, dass die VCs superbekannt sind. Das ist bei Business Angels wie uns nicht so. Wir brauchen Leute, die auf uns zukommen.

Thomas und Klaas Henning beim Fireside Chat des Starthauses
„Lasst uns über Investments sprechen“, hieß es beim Fireside chat des Starthaus Bremen im November. Thomas (links) und Klaas Henning (rechts) erzählten, wie sie Gründungsteams unterstützen. © Starthaus/Annekathrin Gut

Damit aus dem halbwarmen ein warmer Kontakt wird: Was ist euch wichtig bei dem Gründungsteam?

Klaas: Der erste Schritt ist, die Leute kennenzulernen. Kennenlernen bedeutet einen Pitch, damit wir das Startup verstehen. Wie sind die Gründer drauf, was für Komponenten haben sie? Haben sie zum Beispiel einen starken technischen Hintergrund, aber es fehlt an BWL?

Dann challengen wir das mit unseren Erfahrungen. Wichtig ist, ob sie Feedback annehmen können. Danach gucken wir, mit wem wir aus unserem Netzwerk zusammenarbeiten können, um einen krassen Mehrwert für das Startup zu liefern und eine ganzheitliche Betreuung zu schaffen.

Das Wichtigste ist aber, dass die Leute eine klare Idee haben. Sie müssen eine gute Verteilung im Team haben, eine gute Strukturierung und eine Vision, die nach vorne gerichtet ist.

Persönlichkeit und eine klare Vision zählen also für euch.

Thomas: In Frühphasen ist das einfach so. Du kannst nicht davon ausgehen, dass das Produkt fertig ist. Es gibt wahrscheinlich erste Markterfolge und es ist an einer Stelle, wo es skalieren könnte. Mir ist auch wichtig tiefer zu schauen, wie haben sie das Produkt entwickelt? Aus dem eigenen Kopf heraus oder mit den Kunden zusammen? Das ist für mich ein guter Indikator.

Wie wichtig ist das Feedback vom Markt?

Thomas: Im Lean Startup wird sehr viel Wert darauf gelegt, in kurzen Zyklen mit Kunden zu interagieren. Auch im Tech-Bereich gibt es häufig Startups, die noch nicht so richtig wissen, wo ihr Markt ist, die ihr Produkt noch nicht genau erklären können, aber meinen, zu wissen, was sie bauen müssen. Das ist immer schwierig.

Klaas: Das ist für uns eine weitere Komponente: Es gibt das Team, die Grundlagen sind nice, die haben eine gute Mischung, die wollen Wissenstransfer und können Feedback annehmen. Dann muss natürlich die Technologie so sein, dass damit ein Markt erschlossen werden kann.

Was sind für euch absolute No-Gos?

Thomas: Für mich persönlich hat das etwas mit Bauchgefühl zu tun. Es muss mit dem Gründerteam schon passen. Vertrauen, sich aufs gesprochene Wort verlassen können, auf Augenhöhe sprechen, das ist mir wichtig. Wir sind ja nicht diejenigen, die Geld geben, sondern die, die mithelfen wollen, dass das Startup erfolgreich wird. Deshalb ist es wichtig, wenn sie uns auch als Teil des Teams begreifen.

Klaas: Absolutes No-Go ist, sich zu sehr auf uns als Investoren zu verlassen. Nach dem Motto: Sagt uns mal, wie ihr das machen würdet. Wir suchen jemanden, der eine Vision für das Unternehmen und eine klare Mittelverwendung hat.

Thomas: Du solltest als Startup schon ziemlich klar sagen können, wofür du das Geld verwenden willst. Und die Story sollte in sich schlüssig sein und hinterfragbar bleiben.

In einem Inkubator in Hamburg habe ich mal erlebt, wie sich EXIST-geförderte Startups gegenseitig verrückt gemacht haben, weil sie meinten, eine möglichst hohe Bewertung aufrufen zu müssen.

Ich glaube, das hängt mit den Startup-Hotspots zusammen. Hamburg, Berlin, München, Köln – da ist die Notwendigkeit eine ganz andere, eine Fassade für den Wert des Unternehmens aufzubauen. Hier in Bremen gibt es nicht so viel Aufgeregtheit. Ich finde das eher positiv. Das schafft für Startups erstmal mehr Freiräume, sich entwickeln zu können und sich nicht ständig in Szene setzen zu müssen.

Oft wird doch behauptet, dass es in Bremen weniger Chancen gäbe.

Klaas: Das ist immer die Frage, was man will. Wenn ich als Startup externes Geld nehmen will, muss ich mich fragen: Möchte ich ein Venture Backed Case werden? Das hat zur Folge, dass ich bis zum Gehtnichtmehr skalieren muss. Oder bin ich eher der Private Equity oder Business Angel Case, wo ich ein solides Business aufbaue, das auf Wachstum setzt, aber nicht um jeden Preis? Ich glaube in Bremen gibt es auf jeden Fall genug Personen, die in Startups investieren. Aber eher im Business Angel Bereich.

Thomas: Was wir suchen, sind Startups, die eine Finanzierungsrunde machen, weil sie aus einem guten Grund Geld brauchen, die aber auch in der Lage sind, aus sich heraus, zu wachsen.

Thomas Henning, 59 Jahre, gründete 1998 ein Unternehmen für Telematik in der Logistik. Einige Jahre später setzte es mobile Anwendungen zur Erstellung individueller Risikoprofile in der KfZ-Versicherung ein und wurde damit nach Hennigs Angabe zum Marktführer in Deutschland. 2015 verkaufte der Unternehmer seine Firma an einen Schweizer Rückversicherer. Seit 2017 lehrt Thomas Henning an der Hochschule Harz Entrepreneurship und Lean Startup.

Klaas Henning, 26 Jahre, macht aktuell an der WHU Otto Beisheim School of Management seinen Master in Entrepreneurship. Zuvor arbeitete er nach seinem dualen Wirtschaftsstudium an der Hochschule Bremen beim Bremer Unternehmen HANSA-FLEX als Supply Chain Manager mit Fokus auf Projektmanagement, den Einkauf von IT-Systemen und Prozessoptimierung.

Zusammen mit seinen Söhnen Klaas und Focke gründete Thomas Henning 2019 Die Innovatoren PE GmbH. Derzeit sind die Business Angels an drei Unternehmen beteiligt.

Wie lange dauert der Prozess vom ersten Gespräch bis zum Investment?

Thomas: Es kommt drauf an… Das kann innerhalb von vier bis sechs Wochen passieren. Wir sind da flexibel! Manche Dinge brauchen allerdings auch länger, denn dahinter liegt ja ein Prozess, bis es zum Notar geht. Es hängt außerdem davon ab, wer mit im Boot ist. Institutionen wie die BAB – die Förderbank haben verständlicherweise einen ganz anderen Prozess.

Klaas: Wir sind auch flexibel, ob wir ein Darlehen geben, ein Wandeldarlehen machen oder Equity nehmen. Es gibt kein Schema F. Wir gucken mit dem Startup, was Sinn macht.

Welches konkrete Beispiel könnt ihr nennen?

Thomas: Am Beispiel von WasteAnt, einem KI-basierten Startup im Bereich Abfall-Qualitätsmanagement, kann man den Prozess gut sehen. Das ist der Klassiker: Drei Tekies der Jacobs University Bremen, Doktoranden aus dem EXIST-Programm, haben eine coole Idee entwickelt und es zum ersten kleinen Produkt gebracht. Sie haben sich einen vierten Mitgründer gesucht, weil sie sich BWL- und vertriebsmäßig nicht so gut aufgestellt sahen.

Dieser Case ist nach einem Gründungscoaching beim Starthaus Bremen & Bremerhaven über unser Netzwerk zu uns gekommen. Die Gründer standen an dem Punkt, wo sie Kapital brauchten.

Klaas und ich haben ein bis zwei Gespräche mit ihnen geführt. Wir sind uns sehr schnell einig gewesen: interessantes Team, gut aufgestellt. Die hatten klar gepitcht, was sie machen, wo sie hinwollen und was sie brauchen.

Klaas: Was sie brauchten, war erstmal im Rahmen des Finanziellen. Wir gucken dann auch immer, was wir als Schwachstellen sehen und wie wir diese mit welchen Bausteinen lösen können. Das sind entweder Leute, die wir kennen, etwas, das wir selber leisten können, oder weitere Investoren.

Thomas: Und das haben wir auch gepitcht. Danach haben wir relativ schnell gesagt, wir wollen das ernsthaft machen. Die BAB ist als Gesellschafterin mit reingegangen. Der ganze Prozess bis zum Signing hat von März bis Mitte Oktober gedauert. Wir haben uns aber schon die ganze Zeit eng ausgetauscht und aus unserem Netzwerk Menschen dazu geholt.

Seid ihr euch als Zwei-Generationen-Duo eigentlich immer einig oder hakt es auch mal?

Klaas: Wer ist sich schon immer einig? Niemand! Wir führen aber sachliche Diskussionen und die Argumente, die sinnig sind, gewinnen.

Mir ist aufgefallen, dass wir durch das Zusammenspiel unserer beiden Generationen in der Ansprache der Startups zwei Ebenen haben. Die Gründer von Startups sind ja eher in meiner Altersklasse. Spannend ist auch, die Erfahrungen von Thomas mit den Themen zu challengen, die wir gemeinsam mit dem Startup überlegt haben. Das ist ein cooles Zusammenspiel aus Erfahrung und Hands-on gepaart mit theoretischem Background.

Thomas: Klaas sieht manche Dinge sicherlich offensiver, mit einer anderen Sicht auf Skalierbarkeit. Ich komme eher aus der Generation: Du kannst nur das ausgeben, was du verdient hast. Für mich als Unternehmer war ein Bankdarlehen immer ein No-Go.

Klaas: Thomas hat viel Vertrieb gemacht. Ich habe nach meinem dualen Studium viele Einkaufsverhandlungen eigenverantwortlich geführt. Diese zwei Perspektiven können wir zusammenbringen, wenn wir zum Beispiel mit einem Startup eine Kalkulation challengen. Daraus ergibt sich ein ausgeglichenes Zusammenspiel. Das ist schön.

Welche Botschaft möchtet ihr Startups mitgeben?

Thomas: Mir ist wichtig, dass bei den Startups ankommt, dass sie die Unternehmer  sind und ihre Verantwortung voll und ganz tragen. Unser Interesse ist es, dass sie starke Unternehmer werden. Dabei müssen sie nicht jede Erfahrung leidvoll selber machen. Wir geben Rat, wenn wir gefragt werden.

Klaas: Wir setzen gemeinsam Leitplanken. Aber ihr bleibt die Unternehmer.

Mit dem Investor Readiness Programm könnt ihr euer Startup auf die Investorensuche vorbereiten. Meldet euch rechtzeitig an, alle Infos zum Programm findet ihr hier.

An einer Gründung interessiert? Schreibt uns gern eine Mail an info@starthaus-bremen.de oder ruft uns unter +49 (0)421 9600 372 an, wenn ihr Fragen zu eurer Gründung(sidee) habt. Wir haben die Antworten.

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