8.2.2024 - Vanessa Roth

Neue Perspektiven im Gesundheitswesen bieten

Starthaus Coaching

Mit der vielfältig. GmbH wollen Hannah und Judith Burgmeier neue Impulse für die ambulante Pflege setzen

Die Gründerinnen Judith und Hannah Burgmeier wollen 2024 neue Perspektiven im Gesundheitswesen bieten und gründen mit der vielfältig. GmbH einen ambulanten Pflegedienst mit Schwerpunkt Sexualität (im Alter) und (geschlechtliche) Vielfalt. © vielfältig. GmbH

Hannah und Judith Burgmeier haben ein großes Ziel: Einen ambulanten Pflegedienst gründen. Doch das ist noch nicht ausreichend treffend formuliert. Die beiden Gründerinnen setzen mit ihrem Unternehmen einen Schwerpunkt auf Sexualität (im Alter) und (geschlechtliche) Vielfalt und möchten damit ein diskriminierungssensibles Umfeld für alle Menschen schaffen, unabhängig ihrer Sexualität, geschlechtlicher Identität, Herkunft oder sozialem Status.

Judith ist gelernte Altenpflegerin und hat Pflege- und Gesundheitswissenschaften sowie Pflege- und Gesundheitsmanagement studiert. In den letzten Jahren war sie als Geschäftsführerin beim Gesundheitswirtschaft Nordwest e. V. tätig. Hannah hat Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin gelernt und anschließend Gesundheits- und Pflegepädagogik sowie Sexualwissenschaft studiert. Zuletzt war sie in der freien Kinder- und Jugendhilfe als Gesundheits- und Sexualpädagogin tätig. Beide bringen reichlich Erfahrung in einem Bereich mit, der nur so vor Richtlinien und Regeln trotzt. Und dennoch handeln sie aus der Überzeugung heraus – und das merkt man auch im Gespräch! 

Ein queersensibler Pflegedienst

Die Burgmeiers haben eine queere Lebensphilosophie, sind in der Bremer queeren Community aktiv und haben feststellen müssen, dass ein queeres Angebot für pflegebedürftige Menschen fehlt. Nicht nur in Bremen, auch über die Grenzen hinaus. Die Idee für die vielfältig. GmbH war also geboren. „Wir möchten einen Rahmen schaffen, in dem sich alle Personen wohl fühlen. Als ambulanter Pflegedienst betreten wir oftmals den Safespace von Menschen, die vielleicht durch ihr queeres Leben schlechte Erfahrungen in der Pflege oder Gesundheitswesen gemacht haben“, erklären die Gründerinnen im Gespräch. „Wir möchten die Sichtbarkeit schaffen für queer alternde Menschen und Sexualität im Allgemeinen in der Pflege und im Alltag enttabuisieren.“ 

Doch ein ambulanter Pflegedienst ist nicht einfach mal so gegründet. Es gibt im Gesundheitswesen einige Hürden zu nehmen, so müssen die Gründerinnen gleich zum Start hin mindestens fünf Pflegedienst-mitarbeitende Personen nachweisen können. „Das stellt natürlich auch eine Herausforderung dar“, erinnert sich Hannah. „Daher haben wir entschieden, unsere Geschäftsidee größer zu fassen. Neben dem ambulanten Pflegedienst bieten wir zwei weitere Bausteine an.“ 

Beziehungsberatung für Menschen mit Pflegebedarf und deren Bezugspersonen

Ein Baustein ist ein Beratungsangebot für Personen mit Pflegebedarf und deren Bezugssystem. „Ein Pflegebedarf kann Beziehungen und die Paardynamik verändern“, erklärt Hannah uns. „Paar-, Beziehungs- und Sexualberatungen werden hier einen Fokus bilden, um mit den neuen Anforderungen zu funktionieren und zu harmonisieren“, ergänzt Judith. Mit diesem Baustein möchten die Gründerinnen ein Bewusstsein für die potentielle Veränderung der Beziehung schaffen und damit einem Raum bieten, um über Ängste, Unsicherheiten oder Sorgen zu sprechen. 

Diese Beratungen sind vielseitig und vielschichtig. Wie lebt man zum Beispiel seine Sexualität aus, wenn die pflegebedürfte Person gleich nebenan ist? Wie gehe ich mit einer Demenz bei meiner Partnerin oder meinem Partner um, wenn ich mich vielleicht neu verliebe oder die jetzige Beziehungsperson mich nicht wiedererkennt? Die Liste der Fragen ist lang und bedarf einem offenen, toleranten, diskriminierungsfreien Raum. 

Schulungen und Workshops

Der dritte Baustein ist ein Seminarangebot für Einrichtungen im Gesundheitswesen. In den Workshops soll es darum gehen, die vielfältigen Dimensionen aufzuzeigen, aufzuklären und zu sensibilisieren. Auch der dritte Baustein schafft Sensibilität und Bewusstsein dafür, dass Menschen auch in ihrer Pflegebedürftigkeit weiterhin das Bedürfnis nach einer sexuellen Selbstbestimmung haben. „Uns geht es hier auch um ganz alltägliche Prozesse zum Beispiel bei Ärztinnen und Ärzten, in Gesundheitseinrichtungen. Denn es fängt schon im Kleinen an“, erklärt Hannah. „Stellen wir uns vor, ich werde in der Notaufnahme aufgenommen. Eine der ersten Fragen ist, ob es denn auch einen Ehemann gibt. Wir möchten mit den Workshops das Bewusstsein schaffen, dass solche standardisierten Verfahren mit kleinen Änderungen vielfältiger, toleranter werden können, indem zum Beispiel nach einer Bezugsperson gefragt wird.“ 

Judith und Hannah Burgmeier bauen ihre Geschäftsidee auf drei Säulen auf: Der queersensible Pflegedienst, Beziehungsberatung für Menschen mit Pflegebedarf und deren Berzugspersonen sowie Schulungen und Workshops im Gesundheitswesen

Alle drei Bausteine bilden einen Kreislauf

Der ambulante Pflegedienst, die Beratungen für das Bezugssystem oder die zu pflegende Person, die Workshops im Gesundheitswesen - alle drei Bausteine bauen aufeinander auf und gehen ineinander über. „Wir erhoffen, dass wir einen Kreislauf erlangen. Das heißt, dass wir bei pflegebedürftigen Personen zum einen unseren Beratungsbaustein anbieten können, zum anderen aber auch ein Netzwerk im Gesundheitswesen aufbauen, in dem es uns leichtfällt, unsere Kundinnen und Kunden in die Versorgung zu geben. In der Pflege arbeitet man eng mit Ärztinnen und Ärzten und anderen Gesundheitsprofessionen zusammen. Damit wir nach beispielsweise einem Krankenhausbesuch nicht wieder bei Null beginnen, ist es umso wichtiger, die Workshops anzubieten“, erklären die Gründerinnen. 

Ein diskriminierungssensibles Arbeitsumfeld

Ein weiterer Aspekt, der den Gründerinnen wichtig ist, ist das Arbeitsumfeld. „Wir wollen die Pflege so attraktiv wie möglich gestalten“, betont Judith. „Dafür legen wir großen Wert auf unser Arbeitsumfeld, das Zwischenmenschliche, die Umgebung, die Ausstattung.“ Hannah ergänzt: „Wir suchen zum Beispiel Pflegefachpersonen und keine Pflegekräfte.“ 

Und wie finanziert sich ein solches Angebot?

vielfältig. wird ein Pflegedienst sein, welcher die normale pflegerische Tätigkeit bei den Menschen zuhause ausführt. Diese lassen sich dann regulär über die Kranken- und Pflegekassen abrechnen. „Dabei ist uns schon jetzt wichtig, dass wir uns die Zeit nehmen, die wir für die zu pflegenden Menschen brauchen. Oftmals sieht die Realität eine andere Zeitdauer vor, als wir bei den Kassen abrechnen können. Daher sind die beiden zusätzlichen Bausteine so wichtig“, erklären die Gründerinnen. Die Beratungen sind private Leistungen, die somit nicht mit der Krankenkasse abgerechnet werden können. 

Mit vielfältig. gehen Hannah und Judith Burgmeier am 01.04.2024 an den Start und planen zu diesem Zeitpunkt auch schon die Einstellung erster Pflegefachpersonen. „Wir freuen uns auf Menschen, die an die Idee glauben und diese mit uns umsetzen und gemeinsam wachsen wollen“. 

Das Starthaus Coachingprogramm gab wichtige Impulse

Hannah und Judith sind im 41. Lauf des Starthaus Coachingprogramms gewesen. Das einjährige Programm bietet Gründer:innen den notwendigen Rahmen, ihre Geschäftsidee in zwölf Monaten auf die Beine zu stellen. „Anfangs waren wir uns noch nicht sicher, ob das Coachingprogramm das Richtige für uns ist“, erinnern sich die beiden zurück. „Wir merkten aber schnell, dass wir eine gute Struktur für unsere Idee entwickeln konnten. Auch der resultierende Businessplan ist ein Dokument, welches wir jeden Tag nutzen, um unsere Idee auszufeilen und voranzuschreiten.“ Auch konnte der Kontakt ins Starthaus dabei helfen, den Finanzierungspart durch eine Unternehmensberatung gut zu strukturieren. Da half die Beratungsförderung den beiden. Für die Gründung haben sie nun einen Kredit bei der Apobank erhalten, die den Businessplan und seine Struktur für sehr gut befunden haben. 

Ihr seid an einer Gründung interessiert? Unsere Starthelfer:innen beraten euch gerne dazu. Schreibt uns eine Mail an info@starthaus-bremen.de oder ruft an unter 0421 9600 372. 

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