Forschung trifft Startup-Geist
ErfolgsgeschichtenOpen Innovation als Geschäftsmodell in der chemischen Analyse
Gründungsmotive gibt es viele. Für Dr. Ansgar Korf, Dr. Steffen Heuckeroth und Dr. Robin Schmid war es die Liebe zu ihrem Forschungsprojekt. Mzmine hat sie durch ihre Promotionszeit begleitet. Die Software zur Auswertung von Massenspektrometrie-Daten entstand vor über zwanzig Jahren als Open Source-Projekt. Nun haben die Chemiker das Startup mzio gegründet – mit Unterstützung von BAB – Die Förderbank und Starthaus Bremen & Bremerhaven, einem Segment der BAB.
Terabytes an Daten auswerten
Ein Gigabyte pro Probe, tausend Proben pro Studie: Massenspektrometer, mit denen sich Moleküle identifizieren lassen, erzeugen riesige und komplexe Datenmengen. Jedes dieser Geräte arbeitet je nach Hersteller mit einer eigenen Software und erzeugt andere Datenformate. Die Labore investieren oft immense Ressourcen in die Messungen, doch das Potenzial der Daten wird kaum ausgeschöpft.
Hier setzt mzmine an, das Tausende von Proben automatisiert in Minuten verarbeitet. „Unsere Software kann von allen Herstellern alle Datenformate, alle Technologien und alle Kopplungstechniken abdecken. Das macht uns einzigartig“, erklärt Ansgar Korf. Der 33-Jährige ist CEO und Mitgründer von mzio, das die kommerzielle Nutzung der Software vorantreibt.
Von der Promotion zum Startup
Mzmine lässt sich für jeden Einsatzbereich in der chemischen Analyse nutzen – ob in der Krebsforschung, bei Dopingkontrollen, in der Qualitätssicherung der Pharmaindustrie oder beim Nachweis von Pestiziden in Bio-Äpfeln.
Als Open Source-Projekt Anfang der 2000er Jahre in Finnland begonnen, entwickelte der tschechische Informatiker Tomáš Pluskal die Software ab 2006 weiter. 2017 übernahmen Ansgar Korf, Robin Schmid und etwas später Steffen Heuckeroth mzmine, damals Doktoranden der Analytischen Chemie an der Universität Münster.
Nach seiner Promotion wechselte Ansgar Korf zu einem Hersteller von Massenspektrometern in Bremen. Nur noch in seiner Freizeit arbeitete er an der Software mit. „Aber als dann Steffen mit seiner Doktorarbeit fertig war, haben wir eine Entscheidung treffen müssen“, erzählt Ansgar Korf. Und die lautete für ihn: „Okay, ich schmeiß‘ jetzt meinen Job hin. Und anstatt dass die anderen sich etwas Neues suchen, gründen wir jetzt.“
Gründung sichert Forschungswissen
Im Januar 2024 wurde mzio gegründet. Gemeinsam mit Steffen Heuckeroth (CTO) und Robin Schmid (CSO) bildet Ansgar Korf das operative Kernteam: „Uns treibt die Liebe zum Projekt an. Es ist gerade für uns Founder eine Herzenssache.“
Als Mitgründer konnte auch Tomáš Pluskal gewonnen werden. „Ich fand die Idee großartig“, erzählt Pluskal, der heute eine Forschungsgruppe am IOCB in Prag leitet. „Ich war zuvor schon von verschiedenen Leuten angesprochen worden, die eine kommerzielle Software auf Basis von mzmine entwickeln wollten. Aber ich hatte solche Angebote abgelehnt, weil ich selbst nicht die Zeit für die notwendigen Entwicklungen hatte. Mit Ansgar, Steffen und Robin an Bord war die Situation nun eine ganz andere.“ Für Pluskal ist die Gründung ein wichtiger Schritt, damit das mzmine-Projekt weiter wachsen kann.
Open Innovation und kommerzielle Lizenzen
Mzio hat ein besonderes Lizenzmodell: Während Studierende, Lehrende und Forschende mzmine kostenlos nutzen können, zahlen Unternehmen und kommerzielle Projekte für ihre Lizenz. „Wir haben einen Open Innovation Ansatz“, verdeutlicht das Ansgar Korf. „Der Großteil unseres Codes ist Open Source. Das heißt, andere Universitäten können Beiträge zu unserer Software leisten. Das gibt uns einen riesen Wettbewerbsvorteil, weil wir immer Cutting Edge Technology in der Software haben.“
Tomáš Pluskal, der als Forscher unter anderem am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gearbeitet hat, hat frühzeitig die Weichen gestellt: „Wir haben uns entschieden, den mzmine Quellcode unter der MIT-Lizenz zur Verfügung zu stellen, um mehr Flexibilität bei der Verwendung des Codes zu ermöglichen, einschließlich potenzieller kommerzieller Anwendungen.“
BRE-Up-Föderung und organisches Wachstum
Mzio ging drei Monate nach der Gründung an den Markt. Die Finanzierungsstrategie wurde bewusst „bootstrapped“ gewählt, also mit überschaubarem Budget aus eigenen finanziellen Mitteln und einem kleinen Angel-Investment von Co-Founder und Honorary CFO Ludger Rothues. Darüber hinaus erhielt mzio vom Starthaus eine Förderung aus dem BRE-Up-Programm.
Mit dieser Förderung konnte das Team die Entwicklung der kommerziellen Version mzmine PRO finanzieren. „Wir haben mit sehr kleinen Gehältern angefangen und gesagt: Wir lassen uns von der Förderung das erste Jahr tragen und schauen, dass wir sehr schnell auf eigene Füße kommen“, erzählt Ansgar Korf.
Der erste zahlende Kunde war ein US-amerikanischer Biotechnologie-Konzern, dann sagten deutsche und weitere europäische Unternehmen zu. Die Rechnung geht also bislang auf, freut sich Ansgar Korf: „Wir wachsen nun organisch auf selbst verdientem Geld. Und das war nur durch die BRE-Up-Förderung möglich.“
Fachliche Weiterbildung beim Starthaus
Neben der Förderung nutzt der Chemiker, der nun auch Geschäftsführer ist, die Weiterbildungsangebote des Starthauses. Korf nahm beispielsweise an einem juristischen Grundlagenkurs und an einem Seminar zur Preisgestaltung teil: „Diese Angebote habe ich als sehr hilfreich empfunden, da wir uns hier kostenfrei in kritischen Themen fortbilden können.“ Regelmäßig besucht er außerdem die Netzwerkformate, die das Bremer Startup-Ökosystem bietet – „eine kleine, aber feine Szene“.
Forschung anderer Menschen verbessern
Als CEO gefällt es Ansgar Korf, die Richtung vorzugeben: „Ich habe eine sehr klare Vorstellung, wie innovative Produkte entstehen können, die die Forschung wirklich beschleunigen können.“ Seine Devise ist, dass Wissenschaftler sich auf Forschungsfragen konzentrieren sollen, nicht auf Datenauswertung.
Diesen Gedanken teilt das ganze Team, die Firma ist der Weg zum Zweck. „Wir machen Software, aber wir sind letztendlich Anwender. Wir kommen aus der Chemie und verstehen die Herausforderung unserer Kundinnen und Kunden, weil wir selber die Probleme hatten“, so Korf.
Das Team arbeitet remote und ist quer über Europa verteilt: in Bremen, Münster, Wien und Prag. In Manchester komplettiert Lucy Woods seit Anfang 2025 das Startup-Team als kaufmännische Leiterin. Anfang 2026 sollen zwei weitere Entwickler:innen eingestellt werden.
Weiterentwickeln und diversifizieren
Mzio setzt weiter auf organisches Wachstum und will über die Life Sciences hinaus in Bereiche wie die Lebensmittel-Analytik einsteigen. „Wir sind zwar erst im zweiten Jahr, aber jetzt an einem Punkt, an dem wir wachsen müssen und lernen, global zu skalieren“, meint Ansgar Korf.
Tomáš Pluskal unterstützt mzio dabei in strategischen Fragen und macht die Software in der Forschungsgemeinschaft bekannt. Er hofft, dass es weiterhin viele Beiträge zur mzmine-Codebasis geben wird, während die Software unter dem Dach von mzio wächst: „Ich halte dies für ein fantastisches Entwicklungsmodell für Forschungssoftwaretools, die komplexe Algorithmen und Workflows implementieren, die oft von Wissenschaftlern in der akademischen Welt entworfen werden.“
Vielleicht kann mzio mit mzmine in den nächsten Jahren sogar dazu beitragen, große Herausforderung der Analytischen Chemie zu lösen, die heute noch nicht lösbar sind. Und das wäre dann auch dank einer Starthilfe aus Bremen möglich geworden.
„BRE-Up“ Startup-Förderung
Seit 2023 können hoch innovative Tech-Startups mit Sitz im Land Bremen Förderung aus dem „BRE-Up“-Programm erhalten. Dieses zielt auf Gründungen, die ihre Prototypen weiterentwickeln möchten und zur Marktreife bringen wollen. Denn oftmals fehlen gerade in dieser Phase die finanziellen Mittel. Die „BRE-Up“-Förderung schließt diese Finanzierungslücke. Dieses Förderangebot des Starthaus Bremen & Bremerhaven wird durch Mittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) kofinanziert.
Startups, die sich für die „BRE-Up“-Förderung interessieren, müssen jünger als fünf Jahre sein. Außerdem soll das Vorhaben des Unternehmens auf die Schlüsselbranchen und -technologien oder innovativen Branchen aus der Innovationsstrategie 2023 des Landes Bremen einzahlen.
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